Frau Mit Microsoft Lumia 950 XL

Das neue Lumia 950 XL im Langzeittest – durch Continuum ein vollwertiger Laptop-Ersatz?

Nachtrag 1 vom 28.01.2016: Windows Phone und Terminalserverbetrieb

Microsofts neues Flaggschiff-Smartphone, das Lumia 950XL, teste ich nun bereits seit einem Monat. Microsofts Ankündigungen im Vorfeld des Releases haben sicherlich nicht nur bei mir hohe Erwartungen ausgelöst. Ob meine Erwartungen enttäuscht wurden, oder das Lumia 950 XL ein voller Erfolg ist, verrate ich Ihnen in meinem Langzeit-Praxistest.

Erster Eindruck und Haptik

Beim Auspacken macht das Smartphone zunächst einen positiven Eindruck: Das schlichte, schwarze Design, der Große Bildschirm und fehlende Ecken und Kanten, in denen sich Staub ansammeln könnte, wissen zu gefallen. Negativ fällt mir als Besitzer eines Smartphones mit Aluminium-Gehäuse gleich darauf allerdings die Kunststoffrückseite des Lumia auf. Zwar bietet die Gehäuserückseite aus Kunststoff auch einige Vorteile, so lässt sich beispielsweise der Akku kinderleicht wechseln, allerdings fühlt sich eine Rückseite aus Aluminium einfach wertiger an. Für diejenigen, die ihre Smartphones ohnehin lieber in einer Schutzhülle mit sich tragen, wird das Material eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Manch einer mag bei einer Bildschirmgröße von 5,7 Zoll befürchten, dass die Größe des Smartphones zu Problemen führen könnte. Als Besitzer eines 4-Zoll-Smartphones hatte auch ich diese Befürchtung, sie bestätigte sich im Alltagsgebrauch allerdings nicht. Das Lumia passt problemlos in meine Hosentasche, sogar mit Schutzhülle. Mittlerweile fällt mir auf, dass ich mich an den großen Bildschirm stark gewöhnt habe, denn ich empfinde beispielsweise das Anschauen von Videos auf kleineren Bildschirmen als störend. Menschen mit kleineren Händen sollten vor dem Kauf des Lumia 950 XL allerdings das Handy erst einmal in die Hand nehmen, meine Freundin hatte Probleme, das Smartphone in einer Hand zu halten.

Windows Phone Apps, Universal-Apps, wenige Apps

Das Lumia kommt mit einer üppigen Auswahl an vorinstallierten Apps daher, allen Voran natürlich eine kostenlose, mobile Version von Microsoft Office, deren Funktionsumfang, wenn auch reduziert gegenüber der Desktop-Version, für den Alltagsgebrauch vollkommen ausreichend ist. Dokumente in Excel, Word und PowerPoint lassen sich problemlos erstellen und in OneDrive speichern. Auch die integrierte Outlook-App lässt keine Wünsche offen. Das parallele Einbinden meines Arbeits-Mailkontos und meines privaten Microsoft-Accounts funktioniert problemlos, mein nächster Termin in Outlook, Datum und Uhrzeit werden auf dem Bildschirm auch dann angezeigt, wenn das Smartphone gesperrt, aber nicht in der Hosentasche ist. Dank OLED-Display führt diese Funktion, genannt Glance, zu keinem merklichen Verlust in der Akkuleistung. Sonstige Office365-Apps, wie Yammer, Delve und Sway lassen sich leicht herunterladen und nutzen. Auch die Integrierung meines Xbox Live Accounts, beziehungsweise meiner Xbox One auf dem Lumia funktioniert super und Microsoft tut hier sein bestes, den Benutzer in seinem eigenen Ökosystem zu halten.

Abgesehen von den Microsoft-Apps sind auch beliebte Apps wie Audible, Netflix und Sky Go auf dem Lumia vorinstalliert. Andere Apps allerdings, die man als iOS- oder Android-Benutzer für selbstverständlich hält, sucht man im Microsoft-Store leider vergebens. So ist eine weit verbreitete Social Networking App wie Instagram nur als Beta-Version verfügbar, andere Apps, wie meine lieblings-Fitness-App (Jefit) gibt es überhaupt nicht. Auch für meine Pebble-Smartwatch gibt es keine offizielle Windows-Phone-App, die einzige inoffizielle Pebble App stellt die Funktion der Smartwatch nicht einmal halbwegs her, da Microsoft dringend benötigte Schnittstellen für kleine Entwickler nicht freigibt. Des Weiteren muss man bei den installierten Apps unterscheiden zwischen reinen Windows Phone Apps, die sich ausschließlich auf dem Lumia ausführen lassen (und nicht im Continuum-Modus) und Universal-Apps, die auf allen Windows 10-Plattformen, einschließlich Continuum lauffähig sind, doch mehr später dazu. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Microsoft auch mit Windows 10 die App-Dürre, welche Windows Mobile schon seit langem plagte, bisher nicht in den Griff bekommen hat. Leider wurde vor kurzem auch die Portierung von Android-Apps für Windows Phone durch Microsoft eingestellt, an der Portierung von iOS wird noch gearbeitet bezüglich eines Termins hierfür hält sich Microsoft allerdings bedeckt.

Technische Ausstattung: High-End Hardware durch und durch

Während man im Bereich der Apps sicherlich einige Kritik an Microsoft üben kann, so lässt die technische Ausstattung des Lumia 950 XL auf dem neuesten Stand und lässt keine Wünsche offen. Das OLED-Display mit einer Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixeln und einer Pixeldichte von 515 ppi ist gestochen scharf, die Farben sind, wie von OLED-Displays gewohnt, sehr gut und im Gegensatz zu LCD-Screens ist schwarz auf dem Bildschirm des Lumia wirklich schwarz. Der große Bildschirm ermöglicht ein angenehmes Ansehen von Videos und Websites, ohne dass die Augen schnell ermüden. Als Prozessor arbeitet im Lumia ein schneller Snapdragon 810 Octacore. Während der Prozessor in anderen Smartphones verbaut oft zu Überhitzung neigt, wird das Lumia 950 XL unter Last zwar recht warm, aber nicht heiß.

Eine meiner Lieblingsfunktionen am Lumia ist der integrierte Iris-Scanner. Dieser funktioniert nach einer Lernphase sehr zuverlässig und schnell und ersetzt für mich beinahe vollständig das Entsperren via PIN oder Passwort. Nachdem der Scanner, genannt Windows Hello, anfangs mich des öfteren nicht oder nur langsam erkannte, gerade wenn ich meine Brille und keine Kontaktlinsen trug, geht die Erkennung nun genau so schnell wie die Eingabe der PIN, mit dem Vorteil, dass ich nur eine Taste am Smartphone-Rand betätigen muss. Der Test mit anderen Personen hat gezeigt, dass sich das Lumia nicht durch Fremde entsperren lässt. Was mich beeindruckt ist, dass der Iris-Scan dank Infrarotlicht auch in völliger Dunkelheit funktioniert.

Der Akku des Lumia leistet mit seinen 3.340 mAh keine überragende, aber definitiv eine gute Leistung. Bei normalem Gebrauch hält er in etwa zwei Tage, wenn ich viel auf YouTube unterwegs bin, einen Tag.

Windows 10 Mobile – ein im Grunde gutes Betriebssystem, jedoch einige Kinderkrankheiten

Nachdem die Hardware des Lumia einen guten bis sehr guten Eindruck hinterlassen hat, gestaltet sich dieser im Hinblick auf das Betriebssystem wesentlich durchwachsener. Die Kacheloberfläche gefällt mir zwar sehr gut und lässt sich auch leicht gemäß meinen Wünschen ändern (Transparente Kacheln, Hintergrundbild), allerdings merkt man, dass Windows 10 Mobile an einigen Stellen noch unfertig ist. Manche Menüpunkte, die man unter iOS oder Android leicht findet, sind tief in verschiedenen Menüstrukturen vergraben. Die Stabilität des Betriebssystems ist oft gut, manchmal reagiert der Touchscreen jedoch nicht, oder Apps bleiben ohne Grund hängen. Der integrierte Browser Edge öffnet manchmal keine neuen Tabs oder er tut dies nur stark verzögert, zwei Mal während meines Tests ist mir das Lumia auch komplett abgestürzt.

Ein Punkt jedoch hat einen besonders negativen Nachgeschmack hinterlassen: Die Lumia Offers App. Mit ihr konnten die Early Adopter des Lumia 950 XL sich ein kostenloses Continuum-Dock bestellen, also das Gerät, welches laut Microsoft das Lumia zu einem nahezu vollwertigen Laptop-Ersatz machen soll. Das erste Problem, als ich das Lumia in Betrieb nahm, war, dass die Lumia Offers App nicht aufzufinden war. Diese wurde dann ohne Benachrichtigung nach einer Weile im Hintergrund heruntergeladen. Nachdem sie auftauchte, versuchte ich, meine Berechtigung für ein kostenloses Continuum-Dock zu überprüfen. Dies gestaltete sich zuerst als schwierig, da die App mir nichts anzeigte. Ein Verlassen und erneutes Aufrufen der App führte nur dazu, dass beim nächsten Öffnen der App-Text näher herangezoomt war, sodass ich irgendwann gar nichts mehr in der App erkennen konnte. Eine kurze Online-Recherche brachte dann hervor, dass man die App manuell im Windows Store updaten musste, um die Funktion herzustellen. Schließlich spuckte die App einen Voucher-Code aus, mit dem ich mir im Microsoft-Webstore dann das Dock für 0,00€ bestellen konnte. Es hat zwar letztendlich funktioniert, jedoch bin ich mir sicher, dass viele Anwender angesichts der Probleme entnervt aufgegeben hätten.

Inzwischen wurden einige der Probleme, gerade die Abstürze, durch Updates stark reduziert, allerdings läuft das Betriebssystem immer noch nicht hundertprozentig flüssig und stabil.

Windows Phone mit Continuum – ein Ersatz für das Arbeits-Notebook?

Microsofts Ankündigung von Continuum hat sicher nicht nur bei mir die Hoffnung geweckt, dass man durch die neue Continuum-Funktion in Verbindung mit dem Display Dock oder Miracast das Smartphone zu einem nahezu vollwertigen PC im Hosentaschenformat wird. Für mich persönlich ist dies der ausschlaggebende Punkt, der entscheidet, ob das Lumia sich gegen konkurrierende Smartphones durchsetzen können wird und eigentlich das große Alleinstellungsmerkmal des Lumia.

Die eigentliche Einrichtung von Continuum gestaltet sich als problemlos. Direkt nach der Verbindung wird auf dem angeschlossenen Bildschirm ein Continuum-Begrüßungsvideo abgespielt, in dem die grundlegenden Features erklärt werden. Direkt darauf wird auch der Desktop sichtbar, der dem der regulären Windows 10-Version stark ähnelt. Während auf dem großen Bildschirm der Windows-Desktop ausgeführt wird, bleibt das Lumia selbst weiter benutzbar. Alternativ kann man es auch als Touchpad für den Windows-Desktop benutzen. Die vorinstallierten Office-Apps öffnen sich schnell und ähneln in ihrem Aussehen stark der Desktopversion von Office 2016, auch wenn weiterhin der Funktionsumfang reduziert ist.

Würden alle Apps auf dem Lumia in Continuum so gut funktionieren wie Office, würde ich das Smartphone ohne jegliche Bedenken weiterempfehlen, dies ist aber leider nicht der Fall. Das Grundsätzliche Problem hierbei ist, dass die überwiegende Anzahl der Apps keine Universal-Apps und damit nicht unter Continuum lauffähig sind. Dies gilt auch für Apps wie Netflix oder Facebook, bei denen man es eigentlich für selbstverständlich halten würde, dass sie auf dem großen Bildschirm funktionieren. Da das nicht der Fall ist, ist man gezwungen, unter Continuum den Browser Edge zu öffnen und die Browserversionen der Apps zu nutzen. Die im Vergleich zur Konkurrenz ohnehin schon schlechtere App-Auswahl wird bei der Nutzung von Continuum also noch weiter eingeschränkt. Sobald der externe Monitor verbunden ist, sind die meisten Apps ausgegraut und lassen sich nicht mehr starten. Leider betrifft dieses Problem auch die einzige Microsoft-App, die meiner Meinung nach das Fehlen der Universal-Apps wieder wettgemacht hätte: Die Remote Desktop App. Während unter Windows Phone der Zugriff auf Terminalserver durchgängig und verzögerungsfrei funktioniert, ist auch die Remote App in Continuum ausgegraut. Warum Microsoft solch eine wichtige App nur für Windows Phone herausbringt, obwohl die App erst mit einem großen Bildschirm wirklich benutzbar ist, erschließt sich mir nicht. Ich hoffe sehr, dass die App in Zukunft für Continuum verfügbar gemacht wird.

Nachtrag 28.01.2016

Mittlerweile hat Microsoft eine Preview-Version der neuen Remote Desktop Universal-App veröffentlicht. Diese ist endlich auch auf dem großen Bildschirm im Continuum-Modus lauffähig. Die App ermöglicht nicht nur den Remote-Zugriff auf einen kompletten Rechner, sondern auch auf einzelne Anwendungen, die auf diesem installiert sind. Hierdurch verändern sich schlagartig die Möglichkeiten, die sich einem durch Continuum bieten. In der Preview-Version ist die Menüführung der App teilweise noch etwas umständlich gestaltet und es gibt noch kleinere Fehler, diese werden jedoch beim Release der finalen Version sicherlich behoben sein. Für den Alltagseinsatz eignet sich die App jedoch jetzt schon, sie sollte auf keinem Windows-Smartphone mit Continuum fehlen.

Mein Fazit

Die Frage, ob ich das Lumia 950 XL weiterempfehlen würde, ist für mich schwer zu beantworten. Die Hardware ist definitiv sehr leistungsfähig, das Surfen und Filme gucken macht auf dem großen Bildschirm wirklich Spaß. Als Xbox-Besitzer gefällt mir die Integration der Konsole sehr gut. Allerdings bin ich in den letzten Wochen immer wieder an Punkte gekommen, die im Alltagsgebrauch einfach nur störend waren. Gerade die geringe App-Auswahl ist meiner Meinung nach ein großer Punkt, der bei den meisten Benutzern gegen die Anschaffung des Lumia sprechen wird. Dass dieses Problem bei der Continuum-Nutzung noch stärker auftritt, macht das Smartphone auch gerade für Business-User unattraktiv, da sich die fehlenden Apps nicht einmal durch das Arbeiten auf einem Terminalserver ausgleichen lassen. Daher würde ich derzeitig allen, die auf iOS und Android schon seit längerem ihre Lieblingsapps auf dem Smartphone haben und regelmäßig benutzen, raten, abzuwarten, wie sich die App-Situation entwickelt. Sollte diese sich in Zukunft verbessern, werden das Lumia 950XL oder sein zukünftiger Nachfolger zu einer echten Alternative. Wenn Microsoft es schafft, Continuum so auszubauen, dass das Smartphone wirklich zu einem PC im Hosentaschenformat wird, hat Microsoft im Businessbereich defintiv die Nase vorn.

Sven Becher

Sven Becher ist seit September 2015 als Auszubildender zum Fachinformatiker für Systemintegration bei CYBERDYNE im IT-Service tätig.

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