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10.08.09 17:47 Alter: 2 yrs

Irgendwann ein Loch an der Wand


Der Künstler Walbrodt hat sein Atelier in einem IT-Büro aufgeschlagen.


Zu der Sorte von Künstlern, die sich während ihres kreativen Schaffensprozesses im Atelier einschließen und empfindlich auf jegliche Art von Ablenkungen reagieren, gehört Walbrodt wirklich nicht. Bei der Arbeit hebt der Bonner nicht einmal den Blick, wenn neben ihm Computerexperten über neueste IT-Technologien und Hardware diskutieren.


Walbrodt, mit bürgerlichem Namen Daniel Hoernemann, hat seine Arbeitsstätte seit einigen Monaten im Großraumbüro der Kölner Firma Cyberdyne aufgeschlagen. Mehr als einen Wagen, auf dem neben Acrylfarben viele Pinsel und Spachtel liegen, und eine Folie, um den edlen Holzboden zu schützen, braucht der 45-Jährige nicht. Seine Werke, Installationen, abstrakte Malerei, Drucke auf PVC-Folien und Collagen, lehnen lose an der Wand.


Kunst und Wirtschaft verbinden
"Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen" ist in großen Lettern auf einem Bild zu lesen. Der Faktor Zufall ist es auch, der Walbrodt inspiriert - und ihm ermöglichte, die Idee zu verwirklichen, die ihn seit Jahren nicht mehr losließ. "Die Verknüpfung von Kunst und Wirtschaft und die Frage, ob beides nebeneinander existieren kann, ohne in Arbeit und Freizeit unterteilt zu werden, interessiert mich schon lange", erklärt er. Genau wie das "Konzept der früheren Fürsten, dass jedes Unternehmen seinen Künstler braucht".


Als Walbrodt vor drei Jahren Cyberdyne-Chef Ralph Friederichs kennen lernte, war der sofort interessiert. Nach dem Umzug in das großzügige neue Büro in Vogelsang wagte der IT-Spezialist das Experiment mit ungewissem Ausgang. Entscheidend war für ihn die Bereitschaft der 18 Mitarbeiter, sich auf die unkonventionelle Idee einzulassen. "Wenn sie rebelliert hätten, hätte ich es sofort beendet", versichert Friedrichs. Noch immer stehen einige dem Experiment, das laut Walbrodt deutschlandweit einzigartig ist, distanziert gegenüber. Die meisten freuen sich jedoch darüber, dass die kahlen Betonwände bunter geworden sind und witzige Installationen wie die kleine rote Plastik-Indianerfigur am Kopierer oder das mit Farbe überschüttete "Goldene Kalb" auch schon mal durchs Büro wandern.


Beeinflusst von der nüchternen IT-Sprache, spielen Buchstaben und Zahlen in den Arbeiten Walbrodts eine wichtige Rolle - so wie bei einer Installation aus Scrabble-Steinen, die mit Tesa-Streifen an der Wand befestigt sind. Im Vordergrund steht jedoch klar das ungewöhnliche Experiment als eigentliches Kunstobjekt. Zwei Tage in der Woche arbeitet Walbrodt mitten unter den IT-Leuten. Nur einmal ist er an die Grenzen der Toleranz gestoßen. "Ich habe eine Plane mit einer aufgezeichneten Figur quer durch den Raum gespannt, so dass man darum herum gehen musste." Umwege könnten schließlich oft neue Perspektiven schaffen - und kreative Lösungen seien doch auch in einem IT-Unternehmen gefragt. "Aber als ich am nächsten Tag wieder kam, hatte jemand die Plane abgehängt", erinnert sich Walbrodt mit einem Schmunzeln. Persönlich nimmt er so etwas nicht, schließlich prallen hier unterschiedliche Welten aufeinander.


Wo das zeitlich unbegrenzte Experiment hinläuft, ist ungewiss. "Wir lassen es auf uns zukommen", erklärt Walbrodt. Dass der Künstler jedoch irgendwann alles einpackt und mitnimmt, mag sich niemand so recht vorstellen. Ein Mitarbeiter bringt die Veränderung, durch Walbrodt auf den Punkt: "Bevor er kam, war da eine Wand. Wenn er jetzt ginge, wäre da ein Loch."

 

Quelle: Kölner Rundschau
Autorin: Katharina Hamacher